02.05.2018 von Remo Bitzi, Guy Schwegler

Süsse Challenge – Mechatok

Timur Tokdemir alias Mechatok ist am 12. Mai gemeinsam mit Sky H1 zu Gast an der nächsten Ausgabe unserer Konzert- und Klubreihe in Luzern. Bei Lorenzo Senni’s Presto!? Label erscheint zudem am 25. Mai seine EP All My Time. Zwei zwingende Gründe, hier entsprechend das in unserer Ausgabe #16 veröffentlichte Interview mit Mechatok online zugänglich zu machen.

Als die beiden Köpfe hinter Public Possession, diesem nicen Münchner Plattenladen und -label, in der 12. Ausgabe unseres Magazins eine ihrer kommenden Veröffentlichungen anpreisen wollten, kamen sie ins Stocken: «Dubstep ist es nicht. [Gelächter] Aber es geht in die Richtung. Keine Ahnung, wie diese Art von Musik heisst», sagte Marvin Schumann, einer der beiden. Worum genau es sich handelte, wurde damals nicht aufgeklärt. Wenige Wochen nach dem Gespräch mit Schumann und Valentino Betz erschien die Debut EP von Timur Tokdemir alias Mechatok bei Public Possession. Der Fall scheint klar: Die Gulf Area EP versammelt vier Stücke zwischen Disco, Grime, R’n’B – und ja, vielleicht Dubstep.

Heute wird kaum mehr über jene EP gesprochen – die im Jahr darauf erschienene See Thru EP für Staycore und Beiträge zu Compilations mitunter auf Bala Club sind jene Veröffentlichungen, mit denen Mechatok in Verbindung gebracht und angepriesen wird. Dabei ist bereits auf Gulf Area die Handschrift von Mechatok zu hören: Diese zarten und zuckersüssen Melodien sollten sich zu seinem Trademark entwickeln.

Im Frühjahr 2017 trat Mechatok im Rahmen eines Balacore-Showcases am Hyperreality-Festival während den Wiener Festwochen [siehe zweikommasieben #15] auf –  mit Toxe, Dinamarca, Endgame [siehe zweikommasieben #14], Kamixlo und Uli K. Am Tag nach dem Gig traf eine kleine Delegation des zweikommasieben Magazins Timur, um mit ihm über sein Selbstverständnis, seine Stücke und seinen Sound zu sprechen

Remo Bitzi In einem Interview mit Mixmag meintest du, dass du dich für die EP auf Staycore als Songwriter verstanden hattest. War diese Rolle bewusst gewählt?

Timur Tokdemir Nein, das war anfangs keine bewusste Entscheidung. Nach der Arbeit an den ersten Songs zeigte sich aber, dass es Ähnlichkeiten mit Popsongs gibt – nicht unbedingt ästhetisch, aber in Sachen Songstruktur waren sie sehr poppig. Deswegen dachte ich, wäre es vielleicht gut und konsequent, diesen Ansatz durchzuziehen.

RB Gibt’s denn andere Rollen, die du beim Musikschreiben oder in anderen Situationen bewusst einnimmst?

RB Kannst du etwas dazu sagen? Worum handelt es sich?

Guy Schwegler Wie ist diese Zusammenarbeit zustande gekommen? Presto?! und du scheint wie die Faust aufs Auge zu passen.

TT Ich war schon immer ein sehr grosser Lorenzo Senni-Fan. Als ich in einer Grafikdesign-Agentur in München arbeitete – Bureau Mirko Borsche heisst die –, sind wir in Kontakt gekommen. Lorenzo hatte ursprünglich die Agentur kontaktiert; es ging auch gar nicht um Musik. Dann hat mein guter Freund Benji [Keating aka Palmistry; siehe zweikommasieben #14] bei Presto?! eine Platte gemacht. Schlussendlich verspürte ich Lust, aus der Comfortzone – im Sinne von nur mit engen Freunden zu arbeiten – rauszukommen.

RB Welche Rolle spielt der Klub bei diesem oder auch anderen Projekten?

TT Für mich als DJ ist der Klub immer im Hinterkopf. Besonders präsent ist er gedanklich beim Produzieren aber nie. Es ist ganz interessant, den Klub beim Musikmachen komplett auszublenden und dann diese Challenge zu haben, dass man seine Sachen im Klub irgendwie zum Funktionieren bringen muss.

RB Wie gehst du da vor? Produzierst du für Klub-Gigs Edits, die du dann spielst?

TT Von meinen eigenen Songs mache ich Versionen, aber die sind nicht wirklich klubfreundlicher, sondern vielleicht länger oder haben einige weitere Variationen drin. Da ist dann nicht plötzlich noch eine Kick drin.

RB Wie bewusst wählst du das Setting, wenn du auflegst? Kommst du irgendwohin und spielst einfach; Im Sinne von: Es ist, wie es ist? Oder machst du dir Gedanken diesbezüglich und versuchst das Setting zu brechen oder anders zu denken?

TT Es kommt definitiv auf den Rahmen an. Manche Auftritte entsprechen traditionelleren DJ-Sets, etwa so wie gestern Abend. Aber je nach dem, wie wohl ich mich als Teil des Line-ups fühle und so weiter, spiele ich manchmal mehr oder ausschliesslich eigene Sachen.

GS Du hast gestern auch Sachen von der ansgesprochenen EP See Thru gespielt und das waren richtige Peaktime-Momente. Deine Freunde, die da waren, erkannten die Stücke natürlich. Ich glaube aber, dass die Stücke auch davon abgesehen gut funktionieren. Worauf ist das zurückzuführen?

TT Ich glaube, weil die Tracks wie Popsongs strukturiert sind und zum Beispiel klare Hooks haben, sind sie eingängig – auch ohne Vocals. Wenn man einen Song, den man oft alleine gehört hat, im Klub wiedererkennt, löst das Euphorie aus. Es entsteht aber auch ein Clash: Etwas, zu dem man eine intime Beziehung entwickelt hat, teilt man plötzlich mit 200 Leuten. Ich glaube, bei Songs mit catchy Hooks ist dieser euphorische Clash höher, als bei anonym und funktional klingenden Klub-Tracks.

GS Spannend, dass du diesen Clash erwähnst. Bei dir persönlich muss der ja noch um einiges stärker sein: Du meintest ja, du würdest nicht wirklich an den Klub denken, wenn du die Sachen schreibst. Und wenn du nun im Klub spielst, kriegst du Reaktionen auf deine Songs, die du bestimmt schon viele Male gehört hast und sie nicht im Kontext Klub dachtest.

TT Ich muss sagen, da gibt es auch spezielle Songs. «Placer», dieser eine Song, der funktioniert jedes Mal ziemlich gut, weil der eben doch irgendwie klubbig ist.

GS Zum Sounddesign auf dieser EP: Wolltest du mit diesem Süssen im Sounddesign auch edgy sein? Wir fragten uns nämlich, ob Süsse die neue Härte sein könnte.

TT In einem anderen Gespräch wurde mir einmal gesagt, dass meine Musik überraschend wirkt, wenn man sie durch den Szenekontext entdeckt, in dem es vielleicht eine Tendenz zu härteren Sounds gibt. Sie klingt aber nicht so, weil sie eine bewusste Reaktion auf den Kontext ist, sondern eher als Resultat meiner Vorlieben und Einflüsse. Im Kontext von Berlin sticht der Sound im Moment eventuell tatsächlich heraus, aber zum Beispiel in London ist das anders. Da wird weniger stark zwischen Pop und experimenteller beziehungsweise «intellektuell anerkannter» Musik getrennt.

RB Dein Umfeld hat sich in Berlin aber auch Räume geschaffen, nicht wahr?

TT Ja, natürlich. Es fühlt sich nur ein bisschen so an, als ob in Berlin hierarchischer entschieden wird, welche Musik welchen intellektuellen Gehalt haben darf und welche nicht.

RB So wie ich das mitbekomme, bedienen sich Künstlerinnen aus dem Staycore- und Bala Club-Umfeld sehr vielen verschiedenen Referenzen – und setzen diese gleich. Das hat natürlich eine grosse Qualität, aber man läuft da auch in gewisse Gefahren. Wie siehst du das?

TT Ich sehe definitiv das damit verbundene Risiko, aber solange man sich vernünftig mit den besagten Referenzen auseinandersetzt, ist es möglich, sinnvoll mit der Situation umzugehen. Ich finde es interessant, dass beim Thema cultural appropriation in der Klubmusik meistens die verwendeten rhythmischen Motive der Diskussionsanstoss sind, und selten Melodien oder harmonische Wendungen. Sobald letzteres der Fokus ist, scheint das Interesse an der Identifikation der Referenzen geringer zu sein.

RB Die Frage meinte ich weniger in Bezug auf Rhythmen oder Melodien, sondern inhaltlich: Endgame meinte in einem Interview [siehe zweikommasieben #14], dass er die Musik, die er spielt, anhand von Intensität auswählt. Das ist grundsätzlich nicht verkehrt, birgt aber die Gefahr, dass man nie genau weiss, was man da eigentlich spielt.

TT Wählt man Musik anhand ihrer Intensität aus, heisst das ja nicht, dass man sich nicht mit ihr beschäftigt hat. Das Internet ermöglicht neben dem Zugang zu Musikrichtungen aus aller Welt auch Zugang zu Informationen, die all diese Musik in einen soziokulturellen Kontext stellen. Manchmal beim Scrollen auf SoundCloud bekommt man aber schon den Eindruck, dass ein sehr wildes Chaos an Referenzen herrscht…

RB …das auch in Richtung Pop ausfranst. Da gibt’s dann aber keine wirklichen Beziehungen, richtig?

TT Wahrscheinlich nicht. Ich weiss nicht, ob diese Theorie Sinn macht, aber wenn man sich stets der gleichen fremden Sache bedient und diese zu seinem Verkaufsargument macht, dann ist das für mich problematischer, als wenn man konsequent immer alles von überall hernimmt und sich dieses Durcheinander dann normalisiert. Es ist ein Chaos, das die kulturelle Position der Originatoren nicht schwächen kann.

GS Obwohl du ziemlich jung bist, hast du einen spezifischen und speziellen Sound entwickeln können. Reflektierst du das?

TT Ich habe die längste Zeit Musik gemacht, in der sehr klare Soundideale herrschen, etwa mit der Gitarre – Jazz, Klassische Musik und so weiter. Ich wollte klingen wie ein existierendes Vorbild. Der Punkt, an dem es angefangen hat, Sinn zu machen, war der Punkt, an dem ich nicht mehr sagen konnte: «Oh, ich will klingen wie dies und das». Das erzählt wohl jeder… Aber es war ein Punkt, an dem die Musik intuitiv einfach rauskam und ich tatsächlich versuchte, alles in einen Rahmen zu packen, den ich gut ausgearbeitet hatte und ansprechend finde. Es ist aber trotzdem schwierig, selber klar zu sehen, wie wiedererkennbar oder speziell der eigene Sound ist.

Mechatok ist gemeinsam mit Sky H1 zu Gast bei unserer Konzert- und Klubreihe zweikommasieben – am 12. Mai im Klub Kegelbahn Luzern unter dem Motto «Genuine Club Bliss and Synthetic Joy». Zum Facebook-Event geht es hier lang.