17.04.2014 von Marc Schwegler

Acéphale #2 — Mix und Interview mit Pete Swanson

Gemeinsam mit Gabe Mindel-Saloman bildete der Noise-Musiker Pete Swanson das einflussreiche Duo Yellow Swans, das sich 2008 auflöste und quasi mit Going Places posthum ein glorioses, letztes Album veröffentlichte. Seither war Swanson äusserst produktiv: Er veröffentlichte mehrere Alben, Kassetten und EPs. Eine Vielzahl von Live-Shows begleitete jeweils die Releases, die sich in eine breitere Bewegung amerikanischer Musiker und Künstler einordnen liessen, die sich an Ästhetiken der Dance-Musik abarbeiten, diese verfremden und rekontextualisieren. Pete Swanson biegt und bricht kompromisslos Politiken und Konventionen und verortet sich damit deutlich ausserhalb einer immer noch auf Funktionalität bedachten Klubtradition.

Für die zweite Ausgabe der Acéphale-Reihe im Basler Oslo10 hat der New Yorker einen Mix zusammengestellt, der den Abend eröffnete. Zudem unterhielt er sich mit Marc Schwegler.

Marc Schwegler Was hält dich im Moment auf Trab – in Bezug auf Musik und auch generell?

Pete Swanson Ich bin im letzten Jahr meines Masterstudiums an der Columbia University. Ich studiere psychiatrische Pflege und habe die letzten 15 Jahre auch in diesem Bereich gearbeitet – vor allem mit obdachlosen Menschen. Weil ich nebst dem Studium im letzten Jahr auch viele Shows gespielt habe, bin ich nicht wirklich dazu gekommen an neuer Musik zu arbeiten.

MS Patricia, der am Abend im Oslo10 ebenfalls spielen wird, hat bei Opal Tapes unter dem Titel Body Issues düstere Housemusik veröffentlicht. Bei deinen Soloprojekten scheint es eine gewisse Verbindung zur Dance-Musik zu geben. Dein Hintergrund ist aber eher Punk und Noise. Obwohl sich diese verschiedenen Genres oder die darum versammelten Szenen unterscheiden, scheinen sich im Aspekt der Körperlichkeit, des körperlichen Erlebens und der somatischen Adressierung doch Gemeinsamkeiten zu ergeben. Würdest du dem zustimmen?

PS Es gibt eine Menge Unterschiede zwischen Noise, Punk und Klub-Musik und ich fände es uninteressant, die alle aufzulisten… Ich interessiere mich nicht wirklich für Genres oder die Musikalität eines Stückes überhaupt. Es geht mir viel eher darum zu überlegen, was mit Klang innerhalb eines Stückes passiert und was sich in Bezug auf ein Narrativ ergibt. Meine jüngeren Arbeiten beinhalteten zwar Beats, ich fokussiere mich aber immer noch mehr auf emotionale Aspekte und bin an Funktionalität nicht interessiert. Leute sagen, dass ich Körper-Musik machen würde, das ist auch okay. Ich bin mir aber nicht sicher, was angebrachter ist: Sich meine Musik sitzend anzuhören, dazu zu tanzen oder wild in der Gegend rumzuspringen. Ich halte die Dinge gerne offen…

MS Ben Vida veröffentlicht im Rahmen der zweiten Ausgabe von Acéphale Slipping Control auf Shelter Press – ein Label, das auch Musik von dir veröffentlicht hat (ein Re-Issue des Split Albums Waiting For The Ladies mit Rene Hell). Kannst du etwas zu Ben sagen, zu seiner Musik oder vielleicht auch zu diesem Release?

PS Das Album ist, soviel ich weiss, die auditive Dokumentation einer Kunstinstallation von ihm, die ich vor etwa einem Jahr in der AVA Gallerie in New York gesehen habe. Ich bin schon lange ein Fan von Ben und ich denke, dass diese Arbeit etwas vom stärksten ist, das ich von ihm gesehen habe. Das Buch, welches das Ganze begleitet, ist wertvoll und eine interessante Brücke zwischen Bens Synthesizer-Kompositionen und Klang-Dichtungen. Ich bin gerade umgezogen, aber ich hatte ein Poster des Textes von diesem Stück an der Wand.

MS Was kannst du uns über den Mix sagen, den du für den Abend zusammengestellt hast?

PS Da gibt’s nicht allzu viel zu sagen. Ich habe dafür all die momentanen Fixierungen von mir reingepackt – abgesehen von den Tracks von Evian Christ, Cacciapaglia und Montgomery, die ich nur reingenommen habe, weil sie einfach so verdammt gut sind. Telectu und Nuno Rebelo sind Platten aus dem Portugal der Achtziger Jahre, die ich während einer Residenz in Lissabon gefunden habe. Ich hatte eine Liste von Platten, die ich suchte und habe sie in einen Plattenladen mitgenommen wo mir der Händler sagte, ich sei auf der Suche nach Musik, die zu Scheidung führen würde… Księżyc ist eine polnische Gruppe aus den Neunzigern, die völlig aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Schräge osteuropäische Volksmusik, mit Synthesizer und vielleicht einem Meredith Monk Einschlag… Gigi Masin wiederum ist ein italienischer Musiker. Das Stück im Mix stammt von seiner ersten LP «Wind», die in den Achtzigern rausgekommen ist. Es gibt einige Veröffentlichungen von ihm wie auch von Finis Africae, die ich alle wichtig und spannend finde. Masins Output ist sehr repetitiv und ambient… Finis Africae anderseits kommen aus Spanien und diese Musik ist so ungewöhnlich und verspielt… Sie fühlt sich an wie synthetische tropische Fantasien… Rodolfo Caesar wiederum ist ein brasilianischer Komponist und das Stück auf dem Mix stammt von einer LP mit Kompositionen, die er im GRM in Paris aufgenommen und selbst veröffentlicht hat. Schliesslich: Ich bin ein grosser Fan von Rhythm and Sound und Paul St. Hilarie. Als ich erfuhr, dass St. Hilarie mit Deadbeat zusammenarbeitet, also einem Producer, der mehr in der Klub Musik zu Hause ist, fand ich das sehr spannend…

acephale2

Aéphale #2: Ben Vida (US), Patricia (US), Intro (Artist not present): Pete Swanson (US)

DO 17.04.2014 18 h (Releasefeier) bzw. 21 h (Konzerte) | Oslo10

Ben Vida ist ein in Brooklyn lebender Künstler, Improvisator, Komponist und Schriftsteller. In seinen Kompositionen und Videos nutzt er analoge und digitale Synthesizer-Technologien sowie Stimmaufzeichnungen um aurale und visuelle Phänomene und Illusionen entstehen zu lassen. Aktuell tritt Ben Vida mit David Behrmann im The Kitchen in New York auf, nachdem er 2013 das Residence-Stipendium am ISSUE Project Room in Brookly inne hatte. Ebenfalls 2013 veröffentlichte er auf Shelter Press ein «long form sound poem» mit dem Titel: «Tztztztzt ÎÍ Í» … Im Rahmen der zweiten Ausgabe von Acéphale im Oslo10 wird sein neuer Release auf Shelter Press gefeiert: «#038 / Slipping Control». Das Brüsseler Label veröffentlicht zudem auch gleich den Ausstellungskatalog zur laufenden Ausstellung «The Last Frontier» von Shelter Press-Mitherausgeberin Félicia Atkinson.

Mit Patricia ist zudem ein Produzent aus New York zu Gast, dessen EP «Body Issues» 2013 auf Opal Tapes erschien. Mit dem Release auf einem der derzeit spannendsten Labels wurde die Musik des Amerikaners mit Huerco S., Anthony Naples oder Actress verglichen. Die leicht neben der Spur zu laufen scheinenden House-Tracks lehnen sich immer gerade soweit aus dem Fenster, dass man sie noch zu fangen vermag.

Der amerikanische Noise Musiker Pete Swanson hat einen Mix als Intro beigesteuert, welcher den Abend eröffnen wird.